Warum mehr Wiederholungen nicht automatisch besser machen
Du trainierst regelmäßig, wirst stärker – aber deine Bewegungen werden trotzdem nicht besser? Genau hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wer seine Bewegungsqualität im Training verbessern möchte, sollte nicht nur darauf achten, was er trainiert, sondern vor allem, wie der Körper eine Bewegung umsetzt. Denn das Nervensystem lernt immer mit.. Warum mehr Wiederholungen bestehende Muster festigen und was Propriozeption, motorische Kontrolle und Embodiment damit zu tun haben, erfährst du in diesem Artikel.
Du trainierst seit Jahren. Deine Muskeln sind stärker geworden, du bewegst höhere Gewichte und schaffst mehr Wiederholungen. Aber wenn du genau hinsiehst, wackelt dein Ausfallschritt noch immer. Beim Liegestütz verlierst du die Körperspannung. Manche Bewegungen wirken angestrengt, obwohl dir die nötige Kraft eigentlich längst zur Verfügung stehen müsste. Wie kann das sein? Weil mehr Training nicht automatisch zu besserer Bewegungsqualität führt.
Wir sind es gewohnt, Training über Belastung zu denken: Gewicht, Wiederholungen, Intensität, Volumen. Das ist wichtig. Wenn wir jedoch Bewegungsqualität im Training verbessern möchten, reicht dieser Blick nicht aus. Denn während deine Muskeln trainieren, lernt noch ein anderes System permanent mit: dein Nervensystem. Und das verändert die Sache grundlegend. Dein Körper lernt nicht die Übung, sondern eine Lösung.
Eine Kniebeuge ist für dein Nervensystem zunächst einmal keine „Kniebeuge“. Sie ist eine Bewegungsaufgabe. Um sie zu lösen, muss dein Gehirn unzählige Informationen verarbeiten:
- Wo befindet sich mein Körper im Raum?
- Wie ist mein Gewicht verteilt?
- Wie weit sind meine Gelenke gebeugt?
- Wie viel Spannung ist notwendig?
- Welche Muskulatur muss wann aktiviert werden?
Aus diesen Informationen entsteht eine motorische Strategie – also eine Lösung dafür, wie dein Körper die geforderte Bewegung umsetzt. Und diese Lösung muss nicht zwangsläufig optimal sein. Vielleicht verlagerst du dein Gewicht unbewusst stärker auf ein Bein. Vielleicht weichst du mit dem Becken aus oder erzeugst deutlich mehr Spannung, als für die Bewegung notwendig wäre. Die Wiederholung gelingt zwar trotzdem, aber: Eine erfolgreich absolvierte Wiederholung ist nicht automatisch eine qualitativ hochwertige Wiederholung.
Wiederholst du dieselbe Bewegungsstrategie immer wieder, wird sie für dein Nervensystem zunehmend vertraut. Mehr Wiederholungen können dich deshalb sehr gut darin machen, eine bereits vorhandene Bewegungslösung abzurufen, ohne dass diese automatisch besser wird.
Bewegungsqualität beginnt mit Wahrnehmung
Damit dein Gehirn Bewegung steuern kann, braucht es Informationen. Einen wichtigen Teil davon liefert die Propriozeption. Sie bezeichnet vereinfacht gesagt die Wahrnehmung des eigenen Körpers: Dein Nervensystem erhält fortlaufend Informationen über Gelenkstellungen, Muskelspannung und Bewegung. Dazu kommen Informationen aus dem visuellen und vestibulären System sowie über den Kontakt deines Körpers mit seiner Umgebung. Auf dieser sensorischen Grundlage kann dein Gehirn Bewegung planen, ausführen und laufend anpassen. Je präziser diese Informationen verarbeitet werden, desto besser sind grundsätzlich die Voraussetzungen für eine genaue Bewegungssteuerung.
Und damit kommen wir zur motorischen Kontrolle. Sie beschreibt die Fähigkeit des Nervensystems, Bewegungen zielgerichtet zu organisieren und an die jeweilige Situation anzupassen. Propriozeption und motorische Kontrolle lassen sich deshalb in der Praxis kaum sinnvoll voneinander trennen: Wahrnehmung ermöglicht Steuerung – und jede ausgeführte Bewegung erzeugt wiederum neue sensorische Informationen. Es entsteht ein Kreislauf.
Die Abbildung unten zeigt diesen Kreislauf und ordnet dabei auch Bewegungsqualität und Embodiment ein. Mehr dazu gleich im Anschluss.
Warum Bewegungsqualität mehr ist als gute Technik
Bewegungsqualität wird häufig mit einer äußerlich korrekten Technik gleichgesetzt. Das greift zu kurz. Denn eine Bewegung kann technisch zwar durchaus akzeptabel aussehen, sich aber trotzdem unnötig anstrengend, instabil oder wenig kontrolliert anfühlen.
Hohe Bewegungsqualität zeigt sich deshalb nicht nur darin, wie eine Bewegung aussieht, sondern auch darin, wie effizient der Körper sie organisiert. Fragen, die darüber Auskunft geben, können folgendermaßen lauten:
- Kannst du die notwendige Spannung aufbauen, ohne überall fest zu werden?
- Kannst du Kraft durch den gesamten Körper übertragen?
- Bleibst du unter Belastung stabil und gleichzeitig beweglich?
- Kannst du deine Bewegung wahrnehmen und während der Ausführung anpassen?
Genau hier wird Embodiment für das Training interessant. Embodiment bedeutet in diesem Zusammenhang, den Körper nicht lediglich als ausführendes Werkzeug zu betrachten, sondern Wahrnehmung, Bewegung und Regulation miteinander zu verbinden.
In meinem NeuroEmbodied Performance System (NEPS) verbinde ich diese Perspektive deshalb systematisch mit sportwissenschaftlichen und neurozentrierten Ansätzen. Die vier Bereiche des NeuroEmbodied Performance Systems – Awareness, Regulation, Integration und Performance – bauen aufeinander auf und verfolgen ein gemeinsames Ziel: Bewegung nicht isoliert zu betrachten, sondern als Ergebnis eines zusammenarbeitenden Systems.
Warum „mehr“ manchmal genau der falsche Ansatz ist
Wenn ein Ausfallschritt instabil ist, lautet die klassische Antwort häufig: mehr Ausfallschritte.
Wenn der Liegestütz nicht funktioniert: mehr Liegestütze. Das kann sinnvoll sein, aber nur wenn die vorhandene Bewegungsstrategie bereits die richtige Grundlage bietet. Wenn dein Körper jedoch jedes Mal dieselbe Kompensation nutzt, lohnt es sich zunächst herauszufinden, warum:
- Vielleicht verändert bereits eine andere Fußposition die Bewegung.
- Vielleicht verbessert ein sensorischer Reiz die Wahrnehmung.
- Vielleicht fehlt eine klare Grundspannung über Hände und Schultergürtel.
- Vielleicht verändert eine Anpassung des visuellen Inputs unmittelbar deine Stabilität.
Deshalb arbeite ich gerne nach einem einfachen Prinzip: Testen → gezielt verändern → erneut testen. So wird aus Vermutung Information.
Mit meinem Körpersystem Mini-Check kannst du genau dieses Prinzip selbst ausprobieren. Mithilfe einfacher Tests und Interventionen bekommst du erste Hinweise darauf, wie dein Körper Bewegung aktuell umsetzt und worauf er reagiert.
Bewegungsqualität im Training verbessern heißt: bessere Lösungen ermöglichen
Wenn du langfristig deine Bewegungsqualität im Training verbessern möchtest, brauchst du deshalb nicht zwangsläufig mehr Übungen. Du brauchst vor allem bessere Informationen darüber, wie dein Körper die vorhandenen Übungen löst.
Beobachte deine Bewegung. Verändere gezielt einzelne Faktoren. Prüfe anschließend, was passiert. Und sammle möglichst viele Wiederholungen von genau jener Bewegungsqualität, die du langfristig entwickeln möchtest, denn dein Nervensystem lernt immer mit. Die entscheidende Frage lautet nur: Was bringst du ihm bei?
Wenn du bereits regelmäßig trainierst und nicht mehr nur erste Hinweise möchtest, sondern wissen willst, welche individuellen Faktoren deine Bewegungsqualität und Leistungsfähigkeit aktuell begrenzen, ist meine NeuroEmbodied Performance Analyse (NEPA) genau das Richtige für dich. Sie geht einen Schritt weiter und macht deine individuellen Muster sichtbar. Sie liefert außerdem gezielte Interventionen, mit denen du genau an den Hebeln arbeiten kannst, die für deinen Körper am Weg zur Leistungsverbesserung relevant sind.
Denn mehr Training ist nicht automatisch besseres Training. Besser wird Training vor allem dann, wenn dein Körper bessere Lösungen findet – und du genau diese wiederholst.

